Mar 14

Vorurteilsbewusstes Arbeiten nach dem Anti-Bias-Ansatz

Ein Lernartikel von Katharina Babusch
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„Hat jemand den hautfarbenen Buntstift gesehen?"

Praktikumsbesuch bei einer Erzieherin in Ausbildung in der Dortmunder Nordstadt: Bei meinem Eintreffen sitzt die Schülerin mit einigen Kindern, zwischen vier und fünf Jahren alt, an einem Tisch zusammen und es wird gemalt. Leise setze ich mich dazu, um zu beobachten. Einige Kinder benutzten Wasserfarben, andere bedienen sich an einer großen Palette Buntstifte, die wild über dem Tisch verteilt liegen. Als Motiv haben die Kinder sich ihre Familien ausgesucht. Jedes Geschwisterkind wird mit einem Lieblingsspielzeug versehen, die Mütter mit schönen Kleidern und Schmuck. „Wir haben sieben Hühner im Garten, die müssen alle mit aufs Bild.“ Alle Kinder nicken zustimmend.

Die Schülerin macht Gesprächsangebote und regt zu einem lebhaften Gespräch über die unterschiedlichen Familien an. Plötzlich fragt ein Kind:“ Wo ist der hautfarbene Buntstift?" Hat den jemand gesehen?“ „Sonst nimm halt Rosa..", sagt die Praktikantin und meine Augen weiten sich ungläubig. Die Kinder finden die Antwort in Ordnung, niemand nimmt an der Szene Anstoß, alle malen weiter. Niemand? Vielleicht ja doch, denn am Tisch sitzt auch ein Mädchen mit brauner Haut.

Kindliche Vorurteile? Also bitte! 

Sicherlich wollte weder das fragende Kind noch die junge Praktikantin ein Kind ausgrenzen und ihm wehtun. Allerdings drückt die Szene eine interessante Tatsache aus: Kinder wissen früh, was „normal“ und was „nicht normal“ ist. Die Farbe der Haut ist beige, rosa, auf jeden Fall hell. Wenn diese Wahrnehmung dann auch noch von einer erwachsenen Person bestätigt wird, fördert das kindliche Vorurteile. Kindliche Vorurteile? Also, bitte! Kinder sind doch praktisch farbenblind, sie spielen mit den Kindern, die sie mögen, da nehmen sie sowas wie Hautfarbe gar nicht wahr. 

Wer das denkt, irrt sich: Bereits 4 bis 5-jährige Kinder wissen, welches Verhalten für ein Mädchen oder einen Jungen angemessen ist („Ina kann bei uns nicht mitspielen, die kann doch kein Bauarbeiter sein.“), sie drücken in dem Alter auch aus, wenn sie Kinder aufgrund ihrer Sprache, ihrer Hautfarbe oder ihrer Behinderung ablehnen1. An diesem Punkt sollte die pädagogische Fachkraft mit entsprechender professioneller Haltung tätig werden. Jedoch muss sie sich dazu auch ihrer persönlichen Haltung bewusst sein: Habe ich vielleicht auch Vorurteile, die ich unbeabsichtigt weitergebe?

Kindertageseinrichtungen sind nicht die vorurteilsfreien Zonen, als die sie sich in ihren Konzepten gerne beschreiben, nämlich als Orte, die ein regelmäßiges Miteinander unterschiedlicher Kinder fördern und ermöglichen, so dass sich Vorurteile praktisch wie nebenbei auflösen bzw. gar nicht erst entstehen. Kinder nehmen die feinen Botschaften der Diskriminierung und Ausgrenzung überall wahr: Zu Hause, wenn ein kleiner Witz über die Familie mit den zwei Papas gemacht wird; in der Kita, wo in den meisten Büchern die Jungs die Superhelden sind, im Sportverein, wo der Trainer behauptet „Frauenfußball ist doch langweilig“. Kinder lernen die Regeln der „Mehrheitsgesellschaft“ überall, natürlich auch in den Kitas. 

Der Anti-Bias-Ansatz 

Bestimmt will niemand dazu beitragen, dass sich diese Vorurteile bei Kindern festsetzen. Doch wenn bestimmte Meinungen in einer Gesellschaft existieren und die Kita als gesellschaftliche Institution angesehen wird, wie sollten sich diese dann nicht auch bei den Mitarbeitern und der Einrichtung wiederfinden? Dies sind die Ausgangsüberlegungen des Anti-Bias-Ansatz: das englische Wort „bias“ bedeutet „Voreingenommenheit“, „Einseitigkeit“ und der Ansatz hat sich zum Ziel gesetzt, diese Voreingenommenheit sichtbar zu machen. Die US-Amerikanerin Louise Derman-Sparks hat das Konzept ursprünglich für jüngere Kinder entwickelt und zielte damit auf Bildungsgerechtigkeit ab. Mittlerweile wurden ihre Ideen in vielen Ländern adaptiert und den jeweiligen Bedingungen angepasst.2 Der Anti-Bias-Ansatz möchte, dass Kinder (und große Menschen) die Vielfalt unserer Welt wirklich respektieren und nicht nur tolerieren. Sie sollen nicht nur denken, dass es „okay“ ist , wenn Luis so gern das Prinzessinnenkleid aus der Verkleidungskiste anzieht, sondern ihn auch verteidigen, wenn jemand blöde Sprüche darüber macht.3

Sämtliche Unterschiede, die einer gesellschaftlichen Bewertung unterliegen, sollen im Anti-Bias-Ansatz betrachtet und berücksichtigt werden: Alter, sozialer Status, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Sprache usw.. Hier wird deutlich, dass sich der Anti-Bias-Ansatz sehr gut mit dem Situationsansatz zusammen verwirklichen lässt, geht dieser doch von der sozialen und kulturellen Lebenswelt der Kinder und ihrer Familien aus.4 Kinder konstruieren aus den Erfahrungen in ihrer Lebenswelt Bedeutungen. Wenn die eigene Kultur hier aber nicht oder nur unzureichend abbildet wird, welche Bedeutung hat sie, und somit auch ich, dann?

Anti-Bias unterscheidet sich von vielen interkulturellen Ansätzen, die sich schwerpunktmäßig mit kulturellen und ethnischen Unterschieden befassen, denen Derman-Sparks eine „touristische Ausrichtung“ bescheinigt.5 Wir statten einer anderen Kultur einen Besuch ab, probieren das Essen dort und bestaunen ihre Festtagskleidung. Wir lernen nichts über den Alltag, sondern nur über besondere Feste und Ausnahmesituationen. Die Informationen sind für Kinder doch eher belanglos oder helfen sie ihnen wirklich dabei, das Leben der Menschen aus den „besuchten“ Kulturen zu verstehen oder können sie nur feststellen, dass es dort eine „Andersartigkeit“ gibt, die mit der „normalen“ Welt nichts zu tun hat?

Diversität sichtbar machen 

Die allgemein so beliebten Sommerfeste, bei denen sich die Tische vor kulinarischen Köstlichkeiten biegen, sollen hier nicht schlecht geredet werden. Aber wie soll Akzeptanz gefördert werden, wenn sich Kinder und ihre Familien sonst nicht in der Kita darstellen können? Wenn sie die „Anderen“ bleiben, die nur manchmal im Mittelpunkt stehen dürfen.

Eine schöne Methode, dem entgegenzuwirken, sind die sogenannten „Familienwände“, auf denen allen Kindern die Möglichkeit geboten wird, ihre Familien in ihrer Vielfältigkeit darzustellen, etwa Konstellationen, Kleidung, Wohnen, Essen, Religion, Tätigkeiten, Hobbys. Die Wände könnten mit Fotos, Selbstgemaltem oder Gebastelten bestückt werden und dienen allen Kindern dazu, sich über ihre Familien auszutauschen. Das jeweils Besondere wird sichtbar und das Kind fühlt sich als gleichberechtigter Teil der Gemeinschaft. Wenn die Erzieher*innen mit den Kindern die Wände betrachten, ist es wichtig, dass keine Familie als Repräsentantin einer größeren Gruppe oder gar ganzen Nation beschrieben wird. Das befördert Stereotypen. Es sollten zunächst die Gemeinsamkeiten der Familien herausgestellt werden, dann das kulturell Besondere.

Die Familienwände sind natürlich nur ein kleines Beispiel dafür, mehr Diversität in Kitas sichtbar zu machen. Pädagogische Fachkräfte könnten sich und ihrer Einrichtung beispielsweise auch einmal die folgenden Fragen stellen: Haben wir eigentlich ausreichend Bilderbücher, in denen schwarze Mädchen die Hauptrolle spielen? Werden die unterschiedlichen Sprachen unserer Kinder auch sichtbar? Haben wir Puppen mit asiatischem Aussehen? Welche Kultur stellt sich auf den Bildern, die unsere Kita schmücken, dar? 

Wenn Sie sich jetzt fragen, wie die Situation vom Anfang für das schwarze Mädchen am Maltisch weiterging: Nun, sie reichte dem fragenden Kind einen beige-rosafarbenen, also „hautfarbenen“ Stift, mit dem sie ihren „zweiten“ Papa gemalt hat. Ich hoffe, ihr Bild hat einen sichtbaren Platz in der Kita gefunden.


1 Focks, P. (2016): Starke Mädchen, starke Jungen – Genderbewusste Pädagogik in der Kita, Freiburg i.Br., S. 41
4Derman-Sparks and the A.B.C. Task Force (1989): Anti-Bias-Curriculum. Tools für Empowering Young Children, Washington, S. 22
5Derman-Sparks, L: Culturally Relevant Anti-Bias-Education with Young Children, zitiert nach S.Richter, a.a.O., S.6
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Zur Person
Katharina Babusch ist studierte Waldorfpädagogin und -fachlehrerin. Neben ihrer Arbeit als Weiterbildnerin für Erzieher:innen in Kita und OGS mit Schwerpunkt Inklusion, Kommunikation und Sprachförderung, ist sie schon langjährig als Referentin in der Erwachsenenpädagogik sowie Erzieherinnen- und Elternfortbildung tätig. Selbst hat sie unter anderem Fortbildungen in Gestaltpädagogik und systemischer Gesprächsführung absolviert.