Dec 8

Was ist schon normal? Chancen für Persönlichkeitsentwicklung für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung


Ein Beitrag von Timo Warnholz
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Autistische Kinder treffen auf dem Weg ihrer Persönlichkeitsentwicklung oft auf große Barrieren, deren Überwindung. Bei der Ausprägung eines individuellen Charakters stoßen sie regelmäßig auf die Grenzen der gesellschaftlichen Normen und Werte, die für neurotypische Menschen als normal und richtig gelten. Als Gesellschaft lieben wir doch die Konformität, weil sie uns Sicherheit gibt und beruhigt. Jeder Aspekt des Andersseins verursacht bei vielen schon in der gedanklichen Auseinandersetzung damit ein Gefühl des Unbehagens. Dabei sagt doch ein bekanntes Zitat der Autismus-Expertin Dr. Temple Grandin1 aus, dass autistisches Verhalten eine ganz normale Möglichkeit des Menschen sei, sich zu verhalten.

Leider ist der gesellschaftliche Blick auf autistische Menschen auch weiterhin oft defizitär und von Vorurteilen geprägt. Autistisches Verhalten wird hierbei noch immer als merkwürdig oder dissozial deklariert. Tatsache ist, dass laut der Definition der WHO Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung Auffälligkeiten in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie stereotype Verhaltensweisen zeigen.2 Aber wodurch wird überhaupt bestimmt, was auffälliges Verhalten ist? Hier liegt das eigentliche Problem, denn die Zahl von autistischen Menschen ist viel geringer, als die Zahl der nicht autistischen Menschen. So ergibt sich der Begriff „normal” weiterhin aus der Tatsache, dass die meisten Menschen auf der Welt keine Störung im Autismus-Spektrum haben.

Verfügen autistische Kinder nun also über weniger Fähigkeiten oder Kompetenzen als nicht autistische Kinder? Es gibt im Autismus-Spektrum durchaus Kinder, die eine Intelligenzminderung aufweisen und teilweise starke geistige Behinderungen haben.3 Gleichzeitig gibt es unter den nicht autistischen Menschen ebenfalls Personen mit starken geistigen Behinderungen.4 Wo liegt also der Unterschied in der Leistungsfähigkeit? Hier werden oft die Einschränkungen in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben genannt, die für alle Menschen mit Autismus in unterschiedlichen Intensitäten bestehen. Nicht autistische Menschen sind in ihrer Teilhabe in der Regel nur dann eingeschränkt, wenn dies bestimmte Erkrankungen und Behinderungen auslösen. Doch warum ist die Teilhabe für autistische Kinder überhaupt gefährdet? Weil Werte und Normen und gesellschaftliche Regeln sich an neurotypischen Menschen orientieren. Autistischen Menschen wird also schon früh beigebracht, dass ihr Verhalten nicht „normal“ ist und sie dieses am besten an akzeptiertes gesellschaftliches Verhalten anpassen sollen. Das ist definitiv leichter gesagt als getan.

Der lange Weg zur Diagnose 

Nach der Geburt dauert es oft viele Monate oder sogar Jahre, bis sich die autistischen Symptome eines Kindes richtig ausgeprägt haben und durch Außenstehende erkennbar sind. Nachdem die Kinderärzt:innen die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung in den Raum gestellt haben, erfolgt meistens erstmal die schwierige Vermittlung an eine kompetente Diagnostikadresse. Dort erfahren Eltern, dass eine Diagnose innerhalb der nächsten sechs bis achtzehn Monate möglich sei. Das führt dazu, dass autistische Kinder meistens viel zu spät diagnostiziert werden. Natürlich sind die Kinder in dieser Phase in der Regel schon in der Kita angekommen, wo ihre Verhaltensweisen das erste Mal auffallen und vielleicht sogar schon jetzt zu Isolation und Ausgrenzung führen. Das Hauptproblem ist hierbei, dass andere Kinder sich von den Verhaltensweisen eingeschüchtert fühlen und keinen Zugang zu den entsprechenden Kindern finden.

Leider fehlt es auch auf der professionellen Seite weiterhin größtenteils an Fachwissen. Das ist auch verständlich, denn weder in der Erzieher:innenausbildung noch in der Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistent:innen oder im Studium der sozialen Arbeit werden Inhalte dieser Art fachlich behandelt. Mit Glück hatte man die Möglichkeit, an einem Thementag oder an einer Fachtagung zu diesem Störungsbild teilzunehmen. Fundiertes Grundwissen in Bezug auf Autismus-Spektrum-Störungen erlangt man so allerdings nur im Ansatz. So passiert es schnell, dass Reizüberflutung der Kinder und die daraus resultierenden Symptome als Aggressionen oder Wutanfälle eingestuft werden. Die daraus resultierenden Konsequenzen orientieren sich nur selten an den Bedürfnissen der betroffenen Kinder und führen lediglich zu Angst und Verunsicherung. Das betreffende Kind macht hierbei eine ganz besonders negative Erfahrung, denn es merkt, dass es nicht dazugehört, sein Verhalten als unangemessen wahrgenommen und im Zweifelsfall sogar bestraft wird.

Mit viel Glück gelingt es nun den Eltern, einen Platz für eine Diagnostik zu bekommen. So hat das Kind die Möglichkeit, noch vor dem Schuleintritt eine Diagnose zu erhalten, denn richtig ernst wird es erst jetzt. Zu diesem Zeitpunkt sollten Unterstützungssysteme, wie beantragte Nachteilsausgleiche für den Schulalltag, zum Beispiel in Form der Erlaubnis, geräuschunterdrückende Kopfhörer zu tragen, spätestens installiert sein. Sollte dies nicht gelingen, kann die Schulzeit sich schnell zu einem Spießrutenlauf entwickeln. Spätestens in der vierten und fünften Klasse beginnen die ersten Mobbingprozesse. Dass Lehrkräfte und andere Mitarbeitende der Schule über den Autismus des Kindes informiert sind, hilft den Kindern während des Unterrichts, außerhalb der Unterrichtszeiten allerdings nur bedingt, da sich ein Großteil des sozialen Lebens auf dem Schulhof und in den Fluren abspielt und so in seiner vollen Ausprägung oft unbeobachtet bleibt.

Integration durch Anpassung

Um sich zu schützen und um die Chance auf soziale Integration zu wahren, beginnen autistische Kinder mit ersten Anpassungsleistungen. Das bedeutet im Detail, dass autistische Kinder das Verhalten ihrer Altersgenossen imitieren, um im sozialen System nicht mehr aufzufallen, als es nötig ist. Sie spielen hierbei also eine Rolle und bereiten sich auf soziale Interaktion wie Schauspieler:innen auf Dreharbeiten vor. Hierbei wirkt ihr Verhalten oft nicht natürlich, weil es das auch nicht ist. Anstatt also die eigene Persönlichkeitsentwicklung weiter auszuprägen, bauen autistische Kinder ihre Rolle fortlaufend aus, um im alltäglichen Leben nicht weiter aufzufallen.

Dieses Verhalten nennt man Masking. Masking hat mit Persönlichkeitsentwicklung nichts zu tun, sondern ist ein Schutzmechanismus, um in der Gesellschaft einigermaßen gut zurechtzukommen. Sollten diese Anpassungsleistungen allerdings nicht zufriedenstellend gelingen, so kommt es spätestens in der Pubertät dazu, dass die Kinder sehr deutlich wahrnehmen, dass sie anders sind und keine Freunde und Peergroups zur Verfügung haben, an denen sie sich orientieren können. Dies führt schnell zu tiefer Trauer und Einsamkeit. In dieser Phase ihres Lebens erkranken autistische Jugendliche sogar regelmäßig an den sogenannten komorbiden Störungen, wie zum Beispiel Depressionen oder Angststörungen.

Wir sind dran  

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, wird es dringend Zeit, dass sich in der Gesellschaft etwas ändert. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass autistische Kinder und Jugendliche ihre Potenziale so ausbauen können, wie sie es gerne möchten, und hierbei nicht durchgehend unserer negativen Bewertung ausgesetzt sind. Spezielle Interessenbereiche und die Beschäftigung mit Spezialthemen dürfen durch uns nicht mehr belächelt und als sonderbar eingestuft werden, sondern müssen durch kompromisslose Akzeptanz zu „normalem“ Verhalten werden. Wer weiß, welche großartigen Charaktere im Verborgenen bleiben, weil sie durch einstudiertes, angepasstes Verhalten überschattet werden.

Es ist also eine klare Aufgabe des privaten und professionellen Umfeldes, autistische Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken und so den Hang zur Stigmatisierung Stück für Stück aus unseren gesellschaftlichen Systemen zu vertreiben. Dafür sollte sich jeder Einzelne von uns verantwortlich fühlen. Insbesondere pädagogische Fachkräfte sind hier in der Position, durch die Neuausrichtung ihrer Perspektive eine neue, positivere Haltung zu unüblichen Verhaltensweisen zu entwickeln. Es ist vor allem wichtig, sich immer fachlich weiterzuentwickeln, um den Menschen im Umfeld erklären zu können, dass fast jedes Verhalten einen Grund und nur selten eine negative Bewertung von außen verdient hat. Hintergrundwissen produziert Akzeptanz, aus der ein dringend notwendiger neuer Blickwinkel auf die Situation entstehen kann.

Quellen
1Grandin, T., Panek, R. (2013, 07. Oktober). What’s Right with the Autistic Mind. By focusing on deficits, we overlook strengths of brains built differently. Time Magazine https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,2153096-1,00.html. 
2World Health Organization (2023): International Classification of Diseases for Mortality and Morbidity Statistics (11th Revision): 6A02 Autism spectrum disorder.
3Fombonne, E. (2009). Epidemiology of pervasive developmental disorders. Pediatric research, 65(6), 591–598. https://doi.org/10.1203/PDR.0b013e31819e7203.
4World Health Organization (2023). International Classification of Diseases for Mortality and Morbidity Statistics (11th Revision): 6A00 Disorder of intellectual development.

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Zur Person
Timo Warnholz ist therapeutische Fachkraft für Autismus, Traumapädagoge und Sozialfachwirt. Seit 20 Jahren ist er in sozialen Einrichtungen tätig. Neben seiner Tätigkeit als Leiter einer Beratungsstelle für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen und als Teamleiter eines ambulanten pädagogischen Assistenzdienstes arbeitet er seit vielen Jahren als freiberuflicher Fachberater und Referent. Hierbei ist es ihm besonders wichtig, durch die Vermittlung fachlichen Hintergrundwissens Verständnis für komplexe Störungsbilder und die daraus resultierenden Verhaltensweisen und Symptome zu erzeugen.
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