Jan 26

Sprache kann Mauern oder Brücken bauen


Ein Interview mit der Diversity-Trainerin Nuria Fischer zum Thema diskriminierungssensbile Sprache 
Write your awesome label here.

Was bedeutet diskriminierungssensible Sprache und warum ist sie so wichtig?

Wenn wir über Kommunikation oder über Sprache sprechen, vergessen wir oft den Grund, warum wir überhaupt kommunizieren: Wir kommunizieren, um einer anderen Person etwas mitzuteilen. Bei diskriminierungssensibler Sprache geht es erstmal nicht um uns selbst und die eigentliche Intention und Empfindlichkeit. Es geht darum, eine Botschaft zu vermitteln, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und zu vermeiden, sie mit der eigenen Sprache zu verletzen. 

Wörter sind nicht einfach nur dahingesagt. Ein Wort ist nicht einfach ein Wort, sondern Sprache beeinflusst unser Denken, unser Fühlen und unser Handeln. Sie ist in allen Lebensbereichen relevant und wichtig. Die Journalistin, feministische Bloggerin und Autorin Kübra Gümüşay schreibt davon, dass wir mit unserer Sprache entweder Mauern zwischen Menschen bauen können oder Brücken. Dieser Macht von Sprache sollten wir uns immer bewusst sein.

Ich spreche grundsätzlich von diskriminierungssensibler oder diskriminierungsarmer und nicht von diskriminierungsfreier Sprache. Es ist eine Illusion, dass wir zu jedem Zeitpunkt komplett diskriminierungsfrei kommunizieren können. Es ist nicht möglich, in jedem Moment alle Menschen sprachlich zu berücksichtigen und niemanden dabei zu verletzen, aber wir können offen sein, Kritik annehmen und es versuchen.

Welche Formen von diskriminierender Sprache gibt es?

Immer dann, wenn mindestens ein Mensch mit mindestens einem anderen Menschen kommunizieren möchte, besteht auch die Möglichkeit zu diskriminieren. Diskriminierende Sprache findet sich also in verbaler und nonverbaler Kommunikation, in Schrift und Bild und vielem mehr. Unsere Sprache ist in ihrer Struktur, ihrer Geschichte und ihrer Grammatik ungerecht aufgebaut; deshalb ist es wichtig, gängige Kommunikationspraktiken immer wieder zu hinterfragen. Gruppen und Personen, für die diese Praktiken nämlich nicht funktionieren, werden durch sie verletzt oder ausgeschlossen. 

Zuerst müssen wir uns immer die Frage der Erreichbarkeit stellen: Schließe ich durch die Art meiner Kommunikation Menschen aus? Beispielsweise indem ich grundlos komplizierte Fachausdrücke verwende, meine Homepage unübersichtlich aufgebaut oder nicht behindertengerecht gestaltet ist. Vielleicht sprechen nicht alle Menschen, die ich erreichen möchte, Deutsch und es ergibt Sinn, meinen Text mehrsprachig anzubieten oder zu gewährleisten, dass für den direkten Kontakt eine Person zum Übersetzen mit anwesend ist. 

Der nächste entscheidende Punkt ist, dass ich inhaltlich mit dem, was ich sage oder auch nicht sage, jemanden verletzen und/oder ausschließen kann, beispielsweise mit Begriffen aus kolonialer Vergangenheit, mit Fremdbezeichnungen für Personengruppen, exotisierenden Beschreibungen oder übergriffigen Fragen. Wenn ich nach den Sommerferien beispielsweise im Morgenkreis frage: „Wohin seid ihr denn alle gereist?”, dann berücksichtige ich nicht, dass es ganz viele Kinder gibt, die nirgends hingereist sind. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, warum wir welche Fragen stellen und was wir mit ihnen bewirken wollen.

Wenn wir diskriminierungssensibel kommunizieren wollen, müssen wir uns für vielfältige Lebensrealitäten sensibilisieren, neues Wissen aneignen und gängige Praktiken hinterfragen, aber vor allem auch ganz viel verlernen. Es geht darum, eine grundlegende Sensibilität und Offenheit aufzubauen.

Wie und wo können pädagogische Fachkräfte in der Kita ansetzen, um diskriminierungssensible Sprache zu verankern? 

Generell geht es erstmal darum, alle Mitarbeitenden zu sensibilisieren, eine Kultur und eine gemeinsam getragene Haltung zu entwickeln, die diskriminierungssensible Kommunikation fördert. Die kurze Antwort ist also: Es kann überall da angesetzt werden, wo auch kommuniziert wird. 

In den Kitas gibt es dann spezifische Ansätze, um die dort genutzte Sprache zu reflektieren. Dies ist zum einen die Kommunikation mit den Kindern selber: Wie wird übereinander gesprochen? Welche Begrifflichkeiten werden unkommentiert gelassen und welche sind unerwünscht? Welche Stereotypen werden durch Fachkräfte im Spiel reproduziert? Welche diskriminierenden Inhalte finden sich in den Büchern und anderen Geschichten?

Dabei ist es besonders wichtig, auf von Diskriminierung betroffene Kinder zu achten. Aber auch darüber hinaus sollte der Anspruch sein, allen Kindern ein diskriminierungssensibles Vorbild zu sein. Dazu gilt es, den Erziehenden Tools und Rüstzeug zu geben, wie sie mit Situationen, in denen Diskriminierung passiert, umgehen können. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Elternkommunikation, in der Sprach- und Kulturbarrieren oft noch schwerwiegender sind. Hier gilt es genau zu schauen, wer in der allgemeinen und der direkten Kommunikation ausgeschlossen wird. Habe ich an alle gedacht? Schließe ich durch meine Wortwahl Menschen aus? Wenn ich nur die Eltern zum Sommerfest einlade, von denen oft als Mamas und Papas gesprochen wird, berücksichtige ich keine Adoptivkinder, Patchworkfamilien oder Regenbogenfamilien. Wenn ich meine Newsletter nur auf Deutsch, in schwieriger Sprache oder ausschließlich per Mail verschicke, schließe ich gegebenenfalls Menschen aus. Ein entscheidender Aspekt für mich ist auch die Arbeit in möglichen Elternbeiräten (oder ähnlichen Beteiligungsformen). Spiegelt der Beirat die Diversität der Kita wider, kann er eine hilfreiche Brücke der Kommunikation zwischen Einrichtung und Erziehungspersonen sein – auch in Bezug auf einen sensiblen Umgang mit Diskriminierung.

Heutzutage haben Menschen oft Angst, etwas Falsches und dadurch Diskriminierendes zu sagen, und fühlen sich dadurch verunsichert. Wie gehe ich mit Fehlern um, wenn ich doch jemanden diskriminiert habe? 

Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Aushandlungs- und Lernprozess. Sprache war und ist schon immer im Wandel, um den gesellschaftlichen Strukturen gerecht zu werden. Dazu braucht es eine öffentliche Debatte, um neue Wege zu finden, wie wir miteinander umgehen wollen. Bei diesem Prozess gehören Fehler dazu. Das passiert. Fehler an sich sind nicht das Problem, sondern die Art, wie wir mit ihnen umgehen. Wir haben es in der Hand, Fehler als Lernmoment und Chance anzunehmen. 

Ein gutes Beispiel dafür ist die Frage des Genderns. In welchem Ausmaß es zur gesellschaftlichen Norm gehört, ist noch nicht in allen Teilen ausgemacht. Und auch eine einheitliche Form des Genderns, ob mit Sternchen, Gender-Gap oder Doppelpunkt, ist noch nicht gefunden. Vielleicht wird sich in den nächsten Jahren auf eine dieser Formen geeinigt, vielleicht auch nicht und es wird etwas Neues entstehen. Das Ergebnis ist nicht das Entscheidende, sondern die Auseinandersetzung während des Prozesses. Genau in dieser Unsicherheit versuche ich, mit meiner Arbeit Orientierung zu geben. Ich unterstütze dabei, den eigenen Weg in dem vermeintlichen Dickicht zu finden. Zu diesem Prozess gehört viel Ausprobieren und entsprechend werden auch Fehler gemacht. Wichtig ist, dass wir offen und lernbereit bleiben, dass wir die mögliche Kritik, die uns entgegnet wird, ernst nehmen und ehrlich reflektieren. 

Dazu gibt es ein sehr hilfreiches Bild aus der Aufklärungsarbeit. Stell dir vor, du trittst jemandem auf den Fuß und sagst daraufhin: „Ich habe es nicht bemerkt, ich bin ein guter Mensch.” Das ist keine Entschuldigung, sondern lenkt vom Schmerz der Person ab, der auf den Fuß getreten wurde. Wenn wir in solchen Momenten mit Abwehrmechanismen wie Verleugnung, Scham und Schuld reagieren, geht es nicht mehr um die Verletzung des Menschen, der verletzt wurde, sondern um uns – um die eigenen Gefühle, die Angst, als diskriminierende Person bezeichnet zu werden, unsere doch eigentlich guten Intentionen. Dann bewerten wir, wie stark der Schmerz sein kann und welche Reaktion angemessen wäre.

Ich kann jedoch den Schmerz nicht bewerten, denn nur die Person, der ich auf den Fuß getreten bin, kann beurteilen, wie schmerzhaft dieser Tritt gewesen ist und wie sie darauf reagieren möchte. Es ist wichtig, den Schmerz der betroffenen Person anzuerkennen und sich zu entschuldigen,  selbst dann, wenn ich in diesem Moment den Schmerz oder die Reaktion nicht nachvollziehen kann. Es braucht große Offenheit, Dinge wahrzunehmen oder anzuerkennen, die einen nicht direkt betreffen. In meinen Trainings arbeite ich viel mit Perspektivwechsel und Transferübungen, um entsprechend zu sensibilisieren.

Welchen Satz kannst du nicht mehr hören, wenn es um das Thema diskriminierungssensible Sprache geht?

Definitiv die Klassiker „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen”, „Das war doch gar nicht so gemeint!” und „Jetzt müssen wir aber auch nicht übertreiben!” Solche Sätze fallen oft dann, wenn Menschen Angst haben, ihre Privilegien zu verlieren. Grundsätzlich darf jeder Mensch alles sagen, was und wie er möchte. Es gibt weder eine sogenannte „Sprachpolizei” (übrigens ein Begriff aus der rechten Szene) noch irgendwelche Gesetze, die das verbieten. Womit aber gerechnet werden muss, sind Konfrontation und Kritik an abwertender, verletzender Sprache. 

Was ist mit Menschen, die einfach nicht zu belehren sind?

Manche Menschen wollen einfach nichts hören. Im Privaten nervt mich das schon, doch im beruflichen Kontext mache ich eigentlich nur Trainings mit Personen, die freiwillig da sind. Sie sind neugierig und wollen dazu lernen. Das rechne ich ihnen hoch an. Fragen sind da, um geklärt zu werden. Bei dem Thema diskriminierungssensible Sprache und der Frage „Was darf ich denn noch sagen?” werde ich aber nicht müde zu betonen, dass die eigentliche Frage lauten sollte „Was möchte ich sagen?” In dem Moment übernehme ich Verantwortung für mein Gesagtes. Wenn ich mir bewusst bin, dass ich mit einem Wort oder einer Frage Menschen verletze und es trotzdem ausspreche, dann ist es meine Verantwortung. Dann muss ich auch damit klarkommen, dass mich Leute dafür kritisieren oder damit konfrontieren. Dann kann ich mich eben nicht mit einem komischen Witz oder sarkastischen Spruch aus der Situation mogeln.

Was ist bei deiner Arbeit als Diversity-Trainerin deine Motivation und was wünscht du dir für die Zukunft? 

Meine Arbeit sehe ich als meinen Beitrag für eine gerechtere Gesellschaft und Zukunft. Ich wünsche mir, dass Institutionen und die Menschen, die in ihnen arbeiten, Verantwortung übernehmen, indem sie sich weiterbilden. Es reicht nicht mehr, sich für eine vielfältige gerechte Gesellschaft auszusprechen, aber nicht entsprechend zu handeln. Benachteiligung durch institutionelle, strukturelle und persönliche Diskriminierung zieht sich durch alle Lebens- und Bildungsphasen. Nur durch Sensibilisierung, Wissensaneignung und Verlernen können wir beispielsweise dazu beitragen, dass unsere Grundrechte auch umgesetzt werden und alle Menschen ihr volles Potenzial ausleben können. Ich möchte Hilfestellungen geben, denn ich bin der Meinung, dass alle Menschen ihren Werten entsprechend handeln wollen, aber viele Angst haben, nicht wissen, wie sie das tun können, oder überwältigt sind, weil es einfach so viel und so unübersichtlich ist.

Mit meiner Arbeit bin ich in verschiedenen Kontexten unterwegs und merke, dass der Bildungsbereich mich besonders reizt, da hier der Impact besonders groß ist. Soziale Ungleichheit ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das insbesondere an Stellen bekämpft und aufgelöst werden kann, an denen alle Menschen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, erreicht werden. Im Bildungsbereich kann ich einerseits Lehrkräfte oder Erziehende unterstützen und gleichzeitig die Auswirkungen von Diskriminierung betroffener Kinder begrenzen und so zum Aufbrechen von sozialer Ungerechtigkeit beitragen.

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Zur Person
Nuria Fischer ist Diversity-Trainerin, Speakerin und Autorin. Mit ihrer Arbeit im Bereich der diskriminierungssensiblen Kommunikation möchte sie Unternehmen, Institutionen und Behörden dazu sensibilisieren, ihre Kommunikation divers, diskriminierungssensibel und nachhaltig zu gestalten.
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