Oct 30

Kollegiale Beratung: Showveranstaltung oder erfolgreicher Dauerbrenner


Ein Artikel von Elisabeth Schaper
Write your awesome label here.
Tadaaaa: Der Vorhang geht auf, das Team betritt die Bühne … oder nein - viel eher den stickigen Besprechungsraum - hat wohl wieder keine:r dran gedacht, vorher zu lüften. 

1. Akt

Umständliche Ankunft: Während sich die anwesenden Kolleg:innen auf Sitzgelegenheiten unterschiedlicher Höhe und Beschaffenheit lümmeln und sie den Kaffeepott auf dem Notizblock balancierend mit der anderen Hand nochmal die Kissen ausschütteln, kommen Andere fünf Minuten später und öffnen dann doch noch die Fenster. Endlich, circa 10 Minuten nach der vereinbarten Zeit sitzen alle im Raum und es wird ruhig. Auf die Frage, die Juana in die Stille hinein stellt: „Kommt Nuray heute eigentlich? Hat jemand was von ihr gehört?“ folgt allgemeines Gemurmel und Vermutungen werden geäußert. So vergeht die Zeit.

2. Akt

Von den eingeplanten 1,5 Stunden ist die erste halbe Stunde inzwischen vorbei und der Hauptteil beginnt. Nacheinander erzählen alle, wie es ihnen geht und was sie gerade beschäftigt. Während Thomas, Hadschid und Juana sehr ausführlich berichten, was sie zum Mittagessen hatten und wieso sie heute kein Thema für die Kollegiale Beratung mitgebracht haben, wird Miro immer ungeduldiger. Als Miro darauf von seinem Sitznachbarn angesprochen wird, antwortet Miro nur „Nein nein, - alles ok. Ich habe kein Thema“. Dem schließen sich dann noch Alex, Britta und Selma, der eh gerade die Augen zufallen, an.

3. Akt

Die Erlösung. Nachdem sich Juana und Britta in der Runde darüber ausgetauscht haben, dass die Dienstpläne so nicht bleiben können und dass hoffentlich das Gehalt dieses Mal rechtzeitig überwiesen wird, stellt Alex mit Blick auf die Uhr fest, dass die Zeit schon fast rum ist. Na, dann: bis zum nächsten Mal - und ehe man sich versieht, ist der Besprechungsraum wieder leer und verlassen wie 1,5 Stunden zuvor.
Ob bei dieser Vorstellung das eigentliche Ziel einer Kollegialen Beratung, die gegenseitige Unterstützung zu Fragestellungen und Fällen aus dem beruflichen Kontext, erfüllt wird? Wohl eher nicht.

Bevor wir das Stück aber neu schreiben, ist zu prüfen, ob die Voraussetzungen dafür gegeben sind, denn ohne willige Schauspieler:innen und ohne Bühne gibt es ja auch kein Theaterstück. Neben einem strukturierten Ablauf braucht Kollegiale Fallberatung die Zustimmung und das „Wollen“ der Beteiligten sowie ein Grundmaß an Vertrauen. Sicher, im Rahmen einer Kollegialen Beratung wächst das Vertrauen mit der Zeit, aber ohne die Bereitschaft, auch etwas von sich zu zeigen und den Kolleg:innen damit ein Stück Vertrauen entgegenzubringen, bleibt es bei einer „Showveranstaltung“.  

Kollegiale Beratung braucht Menschen, die Erfahrung mit der Methode mitbringen. Denn in Abgrenzung zur extern begleiteten Supervision bleiben bei der Kollegialen Beratung die Teilnehmenden unter sich. Sehr erfahrene Gruppen, die darin geübt sind, aufeinander zu achten und alle im Prozess mitzunehmen, können die Kollegiale Beratung in einem so genannten „All-Leader-Prozess“ umsetzen, in dem alle gemeinsam den Prozess moderieren. 
Für den Anfang oder für Gruppen in einer neuen Zusammensetzung ist es allerdings hilfreich, für jeden Termin eine:n Moderator:in festzulegen, die auf die Einhaltung der Zeit und der Struktur achtet und den passenden Rahmen herstellt. 

Je nach Gruppengröße ist ein Zeitrahmen von 1,5 bis 2 Stunden ratsam, danach sinkt die Aufmerksamkeit und Konzentration. Dieser Zeitrahmen sollte verlässlich für alle eingehalten werden. Egal ob mit oder ohne Moderation, bewährt hat sich ein einfaches Schema für den Ablauf, das den Teilnehmenden mit der Zeit in Fleisch und Blut übergeht und eine angemessene Bühne bietet, um vorhandenen Anliegen zu bearbeiten.

1. Vorbereitung

Bevor es losgeht, ist es sinnvoll, den Raum so herzustellen, dass die Kollegiale Beratung durchgeführt werden kann. Entweder gibt es eine Ankommenszeit von circa 10 Minuten in denen die Kolleg:innen eintrudeln, sich mit Getränken versorgen, lüften und dafür sorgen, dass zu Beginn der Zeit alles hergerichtet ist und an der Tür das „Bitte nicht stören“-Schild hängt. Alternativ gibt es eine Person, die dafür zuständig ist. Auch dies kann reihum wechseln und beispielsweise mit der Rolle der Moderation verknüpft sein. 

2. Ankommen

Dieser Teil hat das Ziel, dass die Beteiligten innerlich präsent sind und sich auf die Kollegiale Beratung einlassen können. Dafür kann es hilfreich sein, zu Beginn, wenn alle Platz genommen haben, eine Minute gemeinsam zu schweigen, die Augen zu schließen und vielleicht ein ruhiges Lied abzuspielen. Die Moderation achtet auf die Uhrzeit und gibt nach einer Minute ein Zeichen. Alternativ können beim Betreten des Raumes Gefühlskarten auf dem Boden liegen, sodass alle Teilnehmenden angeregt werden, bewusst wahrzunehmen, wie es ihnen gerade geht.

In einem folgenden Austausch erzählen alle der Reihe nach, wie es ihnen jetzt gerade geht und ob sie ein Thema mitgebracht haben. Bei Bedarf kann eine kurze „Überschrift“ zu dem Thema genannt werden, ohne jedoch in den Inhalt einzusteigen. Aufgabe der Moderation ist, hier auf die Zeit zu achten (10 - maximal 15 Minuten) und bei Bedarf die Themen für alle übersichtlich, beispielsweise auf einem Flipchart oder einem Whiteboard zu notieren.

3. Priorisieren

Für den weiteren Ablauf ist es notwendig, die genannten Themen in eine Reihenfolge zu bringen. Häufig haben Gruppen ein Gefühl dafür, welches Thema sehr drängt und auf jeden Fall besprochen werden sollte. Auch der Blick auf vergangene Termine kann hilfreich sein, um dafür zu sorgen, dass jede:r einmal mit einem Thema dran kommt. Gibt es eine Person, die selten oder noch nie ein Thema eingebracht hat und auch sonst zurückhaltend ist, kann es für den Gruppenprozess sinnvoll sein, dieser Person Vorrang zu geben, wenn sie ein Thema mitbringt. Auch das Auslosen einer Reihenfolge ist eine Möglichkeit, um keine wertvolle Zeit mit dem Diskutieren einer zeitlichen Abfolge zu verlieren. Bei 1,5 Stunden ist es üblich, dass zwei Themen mit jeweils circa 30 Minuten besprochen werden können.

4. Hauptphase

Als nächsten Schritt hat es sich bewährt, dass die Fallgeber:in kurz den Fall umreist und das Ziel darstellt. Um den Fokus des Gespräches nicht zu verlieren, ist es manchmal hilfreich, das Ziel für alle sichtbar aufzuschreiben. Je konkreter das Ziel formuliert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine passende Lösung gefunden wird. Um das Ziel zu formulieren, kann es hilfreich sein, sich zu fragen: Was soll nach der Fallberatung in einer halben Stunde anders sein? Worauf hätte ich gerne eine Antwort?
„Ich möchte mitteilen, wie es mir mit Familie XY gerade geht und hören, wie eure Meinung dazu ist.“„Ich wünsche mir Tipps, was ich tun kann, um das ängstliche Kind im Gruppengeschehen zu stärken, sodass es nicht mehr beißen und zwicken muss.“„Bei diesen Eltern bin ich ratlos. Ich erreiche sie nicht mehr und würde gerne mit eurer Unterstützung versuchen, die Perspektive der Eltern besser zu verstehen.“

Statt munter drauf loszureden und damit Gefahr zu laufen, die Zeit aus dem Blick zu verlieren, ist es ratsam sich über eine Methode zum Gesprächsablauf zu verständigen. Je geschulter und erfahrener eine Gruppe ist, desto mehr Methoden können ausprobiert werden. Es reicht aber auch völlig, sich in einer Methode zu schulen und diese immer wieder anzuwenden. Beispielsweise schildert die Fallgeber:in zuerst 5-10 Minuten ihr Thema, daraufhin stellen die Teilnehmenden inhaltliche Verständnisfragen. Anschließend tauscht sich die Gruppe ohne die Fallgeber:in über das Gehörte aus. Die Fallgeber:in setzt sich etwas abseits, hört zu und lässt das Gesagte auf sich wirken. Die Moderation gibt nach circa 25 Minuten bzw. zur vereinbarten Zeit ein Zeichen, dass noch ungefähr 5 Minuten zur Verfügung stehen. Die Fallgeber:in kann dann schauen, was noch wichtig ist und gegebenenfalls auch das Thema beenden. Nach einer kurzen Pause zum Lüften ist das zweite Thema dran.

5. Abschluss

Ähnlich wie für die Anfangsrunde sollten auch für die Abschlussrunde circa 10-15 Minuten Zeit zur Verfügung stehen. So können alle noch einmal im Kreis Platz nehmen, kurz in sich hineinspüren und beispielsweise auf die Frage antworten. „Wie gehe ich jetzt aus diesem Raum?“ Für den Gruppenprozess und das gegenseitige Vertrauen in der Gruppe ist es hilfreich, zu Beginn und am Ende jede Stimme einmal gehört zu haben. Wenn noch nicht geschehen, kann in der Abschlussrunde auch geklärt werden, wer die Moderation beim kommenden Termin übernimmt und wer die Vertretung ist. Dann wird der Raum wiederhergestellt, beschriebene Flipcharts, Tafeln oder Notizzettel werden mitgenommen bzw. vernichtet.

Und wenn nach 1,5 Stunden der Vorhang fällt, gehen bestenfalls alle Anwesenden der Kollegialen Fallberatung gestärkt und mit neuen Ideen an ihren Arbeitsplatz zurück. Denn nicht nur die Fallgeber, sondern auch die anderen Anwesenden profitieren von dieser teamstärkenden Methode auf Augenhöhe. Regelmäßig und konsequent durchgeführt, bietet die zweite Version der Darstellung somit eine effektive Möglichkeit, die Arbeitsqualität zu steigern, für Entlastung zu sorgen und sowohl für den Arbeitgeber als auch für die Teilnehmenden zum erfolgreichen Dauerbrenner zu werden.

Du möchtest Dein Wissen zu diesem Thema vertiefen? Hier findest Du unsere Seminare: 

Weiterführender Videokurs auf CAMPUS+

Auf unserem CAMPUS+ Portal findest Du zu diesem Thema einen vertiefenden Videokurs. Logge Dich jetzt mit Deinen CAMPUS+ Zugangsdaten ein. Nachdem Du den Videokurs geschaut hast, kannst du Dir nach bestandener Lernerfolgskontrolle direkt Dein Zertifikat zum Download holen.

             Du hast noch keinen Zugang? Hole Dir jetzt CAMPUS+

Empty space, drag to resize
Zur Person

Elisabeth Schaper ist Diplom-Betriebswirtin, ausgebildete Supervisorin (SG) und Sozialpädagogische Assistentin. Sie begleitet Teams und Führungskräfte im sozialen Bereich und unterstützt sie bei einer wertschätzenden Führung auf Augenhöhe. 
Empty space, drag to resize