Apr 6

Notfallkonzepte in Kitas für die Praxis


Ein Lernartikel von Janine Schmies 
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Fachkräftemangel ist das Schlagwort der letzten Jahre. Bis 2030 fehlen schätzungsweise 230.000 Erzieher/innen1. Mittlerweile ist das deutlich spürbar – Für die Eltern, die Träger und das übrig gebliebenen Fachpersonal in den Kitas. Es ist eine enorme Herausforderung, da auf der einen Seite Kolleg:innen oftmals alleine in den Gruppen stehen und auf der anderen Seite der Kitaausbau vorangetrieben wird, um den Bedarf an Kitaplätzen abzudecken.

Es ist Montagmorgen, 7.00 Uhr. Sabine schließt die Tür zur Kita auf, da hört sie bereits das Telefon im Büro klingeln. Sie ahnt bereits, was das bedeuten könnte. Ihre Kollegin Rita meldet sich heute krank. Nachdem sie das Telefonat beendet hat, schellt es direkt wieder. Der nächste Kollege, der sich arbeitsunfähig meldet. Diese Situation kennen die meisten, wenn nicht alle. Jetzt muss schnell gehandelt und sich ein Überblick verschafft werden. Hier kommt der Notfallplan ins Spiel. In Zeiten von Krankheitswellen, die sich über Monate ziehen, fallen Fachkräfte kurzfristig aus, geben sich manchmal nur noch die Klinke in die Hand. Im besten Fall verfügt eine Kita über ein Notfallkonzept, integriert ins Schutzkonzept, denn der Umgang mit Personalausfall geht mit dem Kinderschutz einher. Dazu an späterer Stelle mehr.

Individualität bei der Konzeptentwicklung

Jede Kita ist ihr eigenes Universum. Vorgegebene Schablonen an Konzepten sind grundsätzlich keine gute Vorgehensweise. Konzepte leben von den Menschen, die sie erstellen und sollten sich an diesen orientieren, denn sie sind es, die in Kitas jeden Tag ein- und ausgehen. Es ist also wichtig, sich die Frage zu stellen, wer diese Personen sind und wie man sie in die Konzeptionsentwicklung einbeziehen kann.

Ein Notfallkonzept sollte vom Team getragen werden, deshalb ist es unumgänglich, sich genauer damit zu beschäftigen und eine gemeinsame Haltung zu entwickeln. Das bedeutet also, dass ein Konzept zunächst auf der Grundlage der tatsächlichen Gegebenheiten angeschaut werden sollte. Wie ist der Ist-Stand? Wie viele Gruppen gibt es? Wie viele Fachkräfte haben wir? Welches pädagogische Konzept wird gelebt? Von Öffnungszeiten bis Personalstunden darf einmal alles genauestens unter die Lupe genommen werden, um den passenden Plan für die Kita zu erstellen. Die Entwicklung einer gemeinsamen Haltung bedarf Zeit, jedoch ist es wichtig, dass jedes einzelne Teammitglied in der Lage ist, den Notfallplan handlungssicher anzuwenden. Das gelingt, wenn die Kolleg:innen selbstwirksam agieren können.

Die größte Herausforderung für Kitaleitungen ist erfahrungsgemäß, Öffnungs- und Dienstzeiten anzupassen. Um die Planung einfacher zu gestalten, empfiehlt es sich im Vorfeld auf mögliche Ausfälle zu reagieren und einen Plan zu überlegen. Eine Möglichkeit kann sein, dass feste Kolleg:innen sich gegenseitig vertreten. Somit ist nicht das ganze Team auf der Suche nach einem Ersatz für den Früh- oder Spätdienst, um diesen abzudecken. Öffnungszeiten müssen reduziert werden, wenn es keine personellen Ressourcen mehr gibt. Bildungspartner:innen mit in die Verantwortung zu nehmen, ist hierbei unumgänglich, denn diese müssen die Betreuung ihrer Kinder selbst oder anderweitig organisieren. Das stellt viele Eltern vor enorme Herausforderungen.

Eltern von Anfang an einbeziehen

Bildungspartnerschaften sind ein weiterer Punkt in einem Notfallkonzept. Eltern von Anfang an beziehungsvoll zu begegnen, ist empfehlenswert, um eine Grundlage des Vertrauens aufzubauen. Es ist wichtig, dass Fachkräfte Transparenz schaffen, Eltern abholen und verständlich die personelle Situation darlegen. Ich habe es oft in der Praxis erlebt, dass Eltern über Fachkräftemangel nicht in Kenntnis gesetzt und erst in Abholsituationen über die personelle Lage berichtet wurde.

In Zeiten von Covid hat die Bildungspartnerschaft gelitten, umso wichtiger ist es, zu Eltern wieder einen Zugang zu finden. Eine Annäherung ist durch die Vermittlung gegenseitiger Werte, Erfahrungen, Befürchtungen und Wünsche möglich. Dies ist keine Einbahnstraße. Um Eltern ins Verständnis zu holen, muss ihnen Transparenz und Offenheit entgegengebracht werden. Was bedeutet es also, wenn nicht genügend Fachkräfte im Haus sind - zum einen für die Kinder unter Beachtung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht und zum anderen konkret für die Erzieher:innen? Stichwort: Überlastung beziehungsweise Gefährdung.

Gesetzliche Grundlagen und Schutz

Kann der Personalschlüssel nicht erhalten bleiben, müssen Kinder geschützt werden. Dafür gibt es gesetzliche Grundlagen, die im Notfallkonzept Anwendung finden. Nicht nur Kinder, auch die Fachkräfte brauchen Schutz. Schutz vor Überlastung. Wer überlastet ist, macht unter Umständen Fehler, ist unkonzentrierter und handelt unter Druck und Stress möglicherweise unachtsam und unbewusst gewaltvoll. Dies ist ein immer wieder aufkommendes Thema in Kitas. Wenn Kitafachkräfte permanent ausgebrannt werden, können wir nicht mehr von einer bewussten pädagogischen Haltung sprechen.

Gesetzliche Grundlagen sind ein wesentlicher Bestandteil eines Notfallkonzeptes, denn sie regeln in welchem Rahmen sich bewegt werden kann. In §1631 BGB ist die Fürsorge- und Aufsichtspflicht geregelt, die sich auf die Kitafachkräfte durch den Aufnahmevertrag, den die Eltern unterschreiben, überträgt. Das bedeutet also, dass Kitafachkräfte eine Fürsorge- und Aufsichtspflicht haben. Werden sie dieser aufgrund von Personalmangel nicht gerecht, muss gehandelt werden. Auch der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht seinen Arbeitnehmer:innen gegenüber – konkreter: Der Schutz vor Überlastung.

Sollte eine Gefährdung vorliegen, ist es ratsam, dass eine Meldung laut §16 ArbSchG getätigt wird. Diese schützt den/die Arbeitnehmer:in und gibt die Verantwortung an die nächsthöhere Stelle weiter. In der Praxis geschieht das noch zu selten. Gründe hierfür sind vielfältig. Oftmals ist es jedoch die Herausforderung, eine eigene „Überlastung“ einzugestehen und den Betrieb am Laufen zu halten, um den Kindern, den Eltern und auch den Kolleg:innen einen Gefallen zu tun. 

Grenzen wahren 

Nicht zu selten zahlen Fachkräfte mit ihrer Gesundheit. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Stress, Burnout – das sind alles Erkrankungen, die besonders in Zeiten des Fachkräftemangels eklatant zum Ausfall beitragen. Hier ist es also wichtig, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die zur Gesundheit beiträgt. Das kann nicht funktionieren, wenn Fachkräfte permanent am Limit arbeiten.

Daher ist der wichtigste Punkt in einem Notfallkonzept das Wahren von Grenzen – die eigene und die Grenzen der Anderen. Die Bewusstmachung über das eigene Handeln, Selbstwirksamkeit erleben, handlungsfähig bleiben und werden, um eine gute qualitative Arbeit zu gewährleisten. Dies sollte in der Praxis eine übergeordnete Rolle spielen.

1 Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule 2021. Bertelsmann Stiftung, 2021
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Zur Person
Janine Schmies ist Erzieherin, Kitaleitung, Referentin und Coach für friedvolle Pädagogik. Eine bedürfnisorientierte und bewusste Haltung ist ihr im Umgang mit Menschen wichtig. Das ist einer der Gründe, warum sie sich in ihrer Elternzeit selbstständig gemacht hat und heute Kitafachkräfte in ihrer Arbeit durch Coaching und Prozessbegleitungen unterstützt. Auf Instagram findest Du sie unter @herz.paedagogik.
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