Nov 12

Die Stärken der stillen Kinder: Introvertierte Kinder verstehen und unterstützen


Ein Artikel von Bijou Heyer
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Hallo, schön, dass du diese Zeilen liest. Ich möchte dich gerne mitnehmen in die reichhaltige, kreative und vitale Welt von introvertierten Menschen. Was ist das Erste, was dir einfällt, wenn du das Wort introvertiert hörst? Schreibe es gerne auf und lies dann weiter. An späterer Stelle komme ich auf deine Notizen zurück.

Die Begriffe Introversion und Extroversion wurden im 20. Jahrhundert durch den bekannten Psychologen Carl Jung eingeführt. Jung selbst war introvertiert und erklärte, dass introvertierte Menschen sich von der inneren Welt der Gedanken und Gefühle angezogen fühlen, während extrovertierte Menschen auf die äußere Welt der Menschen und Aktivitäten fokussiert sind. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass diese Persönlichkeitszüge sich in einem Spektrum befinden und keine absoluten Etikettierungen darstellen. So berichten beispielsweise introvertierte Menschen, dass sie sich in vertrauter Umgebung mit vertrautem Umfeld durchaus extrovertiert verhalten. Die Schauspielerin Julia Roberts, vielleicht kennst du sie, ist bekennend introvertiert und berichtet, dass sie im sicheren Kreis von Menschen zu einer wahren extrovertierten Person wird.

Mahatma Gandhi war ebenfalls introvertiert. Er hat berichtet, dass er nach der Schule nach Hause rannte, um seinen Freunden nicht zu begegnen. Er wuchs heran und führte sein Land in die Freiheit, ohne seine Natur grundlegend zu verändern. Ein anderes Beispiel ist Albert Einstein. Als Kind geriet er durch seine Vorliebe für selbstständiges Lernen oft in Schwierigkeiten. Mit 16 fiel er bei einer Aufnahmeprüfung in der Schule durch, weil er sich nicht die Zeit genommen hatte, für alle Fächer zu lernen. Er hatte sich nur auf das konzentriert, was ihn interessierte. Die Schauspielerinnen Emma Watson, Michelle Pfeiffer und Tilda Swinton gehören ebenfalls zum Club der Introvertierten.

Antworten aus der Gefühlswelt introvertierter Kinder

Als pädagogische Fachkraft in der Kita mögen wir uns sorgenvoll fragen: Wie könnt ihr introvertieren Kinder euren Platz im Leben finden? Wie könnt ihr sicherstellen, dass ihr nicht unbeachtet bleibt? Ein introvertiertes Kind, nennen wir ihn Miklas, würde Folgendes antworten: Wir empfinden die Auswirkungen von Geschmack, Geräusch und sozialem Leben einfach etwas intensiver. 

Als geschulte Fachkraft wirst du vielleicht denken: Könnte es nicht eine Autismus-Spektrum-Störung oder eine soziale Phobie sein? Zwei mal ein deutliches Nein. Introvertierte Kinder und Jugendliche haben normale soziale Beziehungen und können enge Bindungen zu Eltern und Freunden entwickeln. Sie zeigen kein repetitives Verhalten. Menschen mit einer sozialen Phobie möchten in Kontakt gehen, nehmen aber negative Reaktionen des Gegenübers wahr, um ihre eigenen negativen Gefühle zu bestätigen. Ein introvertierter Mensch dagegen bevorzugt Situationen, in welchen er seinen eigenen inneren Raum schaffen kann. Dies beeinflusst nicht den Selbstwert oder die Fähigkeit, mit Anderen grundsätzlich auszukommen.

Fachkraft: Erzähl mir mehr von Euch!
Miklas: Wir werden manchmal übersehen und verlieren uns in unserer inneren Welt. Deshalb brauchen wir deine Unterstützung, indem du dich auf unsere natürlichen Ressourcen fokussierst, dann können wir innerlich und äußerlich erblühen. Introvertiert und zu sein und Selbstbewusstsein zu haben, schließen sich nicht aus.

Fachkraft: Wenn wir dir eine Frage stellen, wie sollten wir das tun?
Miklas: Gib uns Zeit, um aus unserem Ozean des Denkens und Fühlens die Antwort herauszufischen. Am besten, du sagst: Denk in Ruhe darüber nach und lass mich wissen, wenn du etwas gefischt hast. Wenn du mein Kurzzeitgedächtnis trainieren willst, dann fordere mich auf, herumzulaufen. Wenn ich etwas suche oder wenn mir etwas nicht einfällt, dann schlage vor, dass ich Bilder mit Zahlen verbinden soll – ich habe nämlich ein gutes Langzeitgedächtnis. Extrovertierte Menschen haben ein besseres Kurzzeitgedächtnis.

Fachkraft: Was ist noch wichtig für dich?
Miklas: Für mich ist es besonders wichtig, dass ich gesehen werde und dass meine Gedanken und Gefühle für die Welt wichtig sind.

In einer Studie der Psychologin und Psychotherapeutin Marti Olsen kam 2005 heraus, dass extrovertierte Menschen einen höheren Selbstwert entwickeln, wenn sie der Norm entsprechen.1 Die zentrale Voraussetzung, welche den Selbstwert ansteigen ließ, war das Erreichen von Zielen. Für introvertierte Menschen ist die zentrale Voraussetzung für einen hohen Selbstwert wertgeschätzt zu werden.

Fachkraft: Wie ist das bei Jungs und Mädchen?
Miklas: Wir Mädchen werden oft als ruhig, bedacht und höflich empfunden und unser innerer Reichtum und unsere sozialen Kompetenzen werden übersehen. Jungs, die introvertiert sind, werden als schwach, passiv und dumm angesehen, was absolut nicht stimmt. Extrovertierte Menschen können von uns lernen, wie man selbst innerlich eincheckt und wahre Schätze zu Tage bringt. Wir Introvertierten lieben es zu lernen und abstrakt zu denken. Außerdem hat man herausgefunden, dass wir einen höheren emotionalen IQ haben. Ich wünsche mir, dass Ihr unsere Wurzeln stärkt und unsere Flügel nicht stutzt.

Fachkraft: Und wie ist es mit eurer Energie?
Miklas: Stellt euch einfach vor, über unserem Kopf befindet sich eine Glühlampe. Wenn diese voll leuchtet, dann sind wir ganz präsent – wenn das Licht schwächer wird, brauchen wir Ruhephasen und Rückzugsmöglichkeiten. Wir sind gerne mit uns allein und lieben es, Dingen auf den Grund zu gehen. Ihr braucht keine Angst um uns zu haben. 

Fachkraft: Ich habe verstanden. Ein sicherer Hafen ist für euch wichtig und dass wir euch ab jetzt nicht mehr übersehen oder als schwach einschätzen. Danke, dass du mir das alles erzählt hast, das werde ich gleich meinen Kolleg:innen berichten.

Erinnerst du dich noch an deine Liste? Vielleicht hast du geschrieben, dass introvertierte Menschen schüchtern, scheu, zurückhaltend und manchmal sogar arrogant sind. Das ist in Ordnung, da wir alle durch unsere Sozialisation geprägt sind. Vielleicht hast du aber bereits bemerkt, dass du introvertierte Menschen auch mit einer anderen Brille wahrnehmen kannst. Dazu noch ein wenig Hintergrundwissen

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Schauen wir uns den Satz an: Introvertierte Kinder sind schüchtern.
Merke: Introvertierte und extrovertierte Menschen können schüchtern sein. Scheue Kinder haben eine große Angst vor Demütigung, Kritik und Peinlichkeit (Scham). Ihnen fehlen die sozialen Skills und die angemessenen Emotionen, die ihnen helfen, soziale Interaktionen zu meistern. Introvertierte Menschen sind nicht zwangsläufig schüchtern. Sie verfügen über soziale Skills und den notwendigen Selbstwert, um mit Anderen zu interagieren, brauchen gleichzeitig aber auch den Rückzug und Ruhe, um Ihre Batterien wieder aufzuladen. Das Motto introvertierter Menschen: Still gehört, gesehen und wertgeschätzt zu werden.

Introvertierte und extrovertierte Menschen benutzen zwei verschiedene Abschnitte des Nervensystems. Acetylcholine, der Superstar der Gedanken, Konzentration und willentlicher Bewegung sagt: "Let's think about it!” und aktiviert den Parasympathikus (das “auf die Bremse-Treten-System”). Dies ist der Transmitter der Introvertierten. Introvertierte Menschen sind „Conserver", sie laden ihre Energie in Ruhe und Frieden auf, indem sie äußeren Stress reduzieren. Als introvertierte Person führt alles, was man in der Außenwelt macht, zu einer Energieabgabe. Deshalb sind Ruhephasen und Rückzug so wichtig.

Introvertierte Menschen haben zudem eine stärkere Durchblutung im Frontallappen. Der Weg des Neurotransmitters Acetylcholine ist lang, deshalb haben introvertierte Personen aus der Perspektive von extrovertierten Menschen scheinbar verzögerte emotionale Reaktionen. Introvertierte Menschen verstärken den Augenkontakt beim Zuhören und reduzieren ihn beim Sprechen. Sie überraschen andere mit ihrem tiefen Wissen und brauchen Zeit, um sich auf neue Situationen einzulassen. Sie sind entspannte, ruhige, wachsam und loyale Freund:innen.

Dopamin, der Haupttransmitter für extrovertierte Menschen und der Superstar für Belohnung sagt: “If it feels good, do it!” Er aktiviert das sympathische Nervensystem. Extrovertierte Menschen sind „energy spenders", sie halten ihr Energielevel aufrecht, indem sie drauf und dran sind. Das heißt, dass alles, was in der Außenwelt passiert, extrovertierten Menschen Energie gibt.

Als Kind, Jugendlicher oder Erwachsener introvertiert zu sein, ist ein großes Geschenk für alle. Ich hoffe, dass du introvertierte Menschen im pädagogischen Alltag, ob groß oder klein, nach dieser kleinen Reise mit anderen Augen sehen kannst. Das würde mich freuen.

Quellen

1 Marti Olsen Laney, Building Emotional Resilience: Establishing Strong Bonds Will Provide Him a Secure Foundation, in: Hidden Gifts of the Introverted Child: Helping Your Child Thrive In An Extroverted World, New York: Workman Publishing 2005, 77

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Zur Person
Bijou Heyer ist Diplom-Psychologin, Gestalttherapeutin für Kinder und Jugendliche und Erzieherin. Zudem ist sie seit über 30 Jahren als Lehrbeauftragte, Weiterbildnerin, Coachin und Superversorin tätig. Dabei liegen ihre Schwerpunkte unter anderem auf frühkindlichen Traumata, Mutter-Kind-Bindung (prä-peri-postnatale Störungen), Kindheitspädagogik, Entwicklungspsychologie, Notfallpsychologie, Diagnostik und sogenannten „Systemspenger:innen“.
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